Im Portrait - Rechl & Straub - Turm zu Schloss Schedling

narteo: Hallo Herr Rechl, hallo Sari, vielen Dank für Ihre Zeit und die Bereitschaft, ein Interview mit narteo zu führen. Ich freue mich auf das Gespräch.

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narteo: Könnten Sie uns bitte kurz erzählen, wer Sie sind und was Sie motiviert hat, den Turm am Schloss Schedling in Trostberg zu entwickeln?

Sari: Ich bin 34 Jahre alt, gelernte Hotelfachfrau und Hotelmeisterin und kümmere mich seit rund zehn Jahren vor Ort um die Vermietung des Turms. Der gesamte Turm und seine Architektur stammen aus der Feder meines Papas. Es gab keinen klassischen Bauherrn – dadurch hatte er völlige Gestaltungsfreiheit. Er hatte diesen Traum schon immer.

Als Kind mussten wir im Urlaub ständig Burgruinen besichtigen und hoch- und runterlaufen – ich bin da ein „gebranntes Kind“ (lacht). Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, besonders an Urlaube in Kroatien, sehe ich meinen Papa am Strand sitzen und zeichnen. Er hat es geschafft, sein Hobby ideal mit seinem Beruf zu verbinden.

Herr Rechl: Das hängt auch damit zusammen, dass ich schon als Kind mit meinem Vater oft nach Trostberg gefahren bin, zur Brauerei Fuchsbichler. Dabei sind wir regelmäßig am Schloss vorbeigekommen. Burgen und Schlösser haben mich schon immer fasziniert. Egal wo wir waren – ich wollte aussteigen und alles erkunden. Schon als Zehnjähriger bin ich überall herumgelaufen.

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narteo: Wie – und vielleicht auch wo – ist die Idee beziehungsweise die Gelegenheit zur Entwicklung des Turms entstanden?

Herr Rechl: Ich war irgendwann wieder in Trostberg und kannte dort den Bernd Gerer. Er erzählte mir, dass Schloss Schedling der Stadt gehört und leer steht – und dass man nicht so recht weiß, was man damit anfangen soll.

Neben dem Schloss stand ein turmartiges Gebäude aus den 1920er-Jahren, nichts Besonderes. Ich habe dann mit dem Bürgermeister gesprochen und vorgeschlagen, etwas Touristisches daraus zu entwickeln, weil mich das sehr interessiert hat. Das hat mich zusätzlich motiviert.

Ich habe einen Entwurf gemacht – als Ersatzbau für den alten Herrenturm, der leer stand. Die Idee hat dem Bürgermeister gefallen, sie wurde im Stadtrat vorgestellt, und ich habe die Planung für einen Turm mit Ferienwohnung übernommen. Das zur Straße vorgelagerte Wimmer-Anwesen konnten wir gemeinsam mit der Stadt erwerben; es wurde abgebrochen, und so entstand die großzügige freie Fläche.

narteo: Gab es bei der Entwicklung des Turms Herausforderungen, die besondere Kreativität bei der Lösung erfordert haben?

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Sari: Da müssen Sie meinen Papa fragen (lacht).

Herr Rechl: Ein Punkt war die damals vollständig asphaltierte Fläche zwischen dem Herrenturm und Schloss Schedling. Das hat mir überhaupt nicht gefallen – ich wollte den Teer unbedingt entfernen und stattdessen Schotterrasen anlegen.

Das führte zu intensiven Diskussionen. Es hieß, die Fläche müsse gepflastert werden. Ich habe aber gesagt: „Keinen Quadratmeter lasse ich pflastern.“ Pflaster ist fast wie eine Versiegelung – durch die Fugen sickert kaum Wasser, und im Sommer entsteht ein unangenehmes Klima.

Schotterrasen hingegen, etwas gedüngt, mit Gras – das wirkt klimatisierend und nimmt auch die Blendung. Letztlich konnte ich den Bürgermeister von meiner Idee überzeugen. Er hat mich immer unterstützt, wofür ich sehr dankbar bin.

narteo: Der Turm ist seit mehr als zehn Jahren in Betrieb. Bleibt Ihnen eine Situation mit Gästen oder Besucherinnen und Besuchern in Erinnerung, die für Sie persönlich besonders wertvoll war?

Sari: Ganz am Anfang war alles neu und spannend. Ich erinnere mich noch gut an die erste Buchung – man ist unglaublich nervös. Wir haben die Gäste gesehen, während wir geputzt haben. Die beiden standen gegenüber auf der anderen Straßenseite und haben den Turm angeschaut. Es war ein junges Paar, das beim Heimatmuseum stand. Sie haben sich sehr auf ihren Aufenthalt gefreut und waren gerührt, dass der Turm in Wirklichkeit genauso aussieht wie auf den Bildern – und keine Fotomontage ist (lacht).

Ich finde es immer schön, wenn unsere Gäste die Details am und im Turm zu schätzen wissen. Was nach über zehn Jahren besonders bleibt, sind die persönlichen Gespräche. Man bekommt viel erzählt. Es freut mich, wenn Gäste regelmäßig wiederkommen und man sich austauscht.

narteo: Der Turm wirkt optisch fast wie aus der Zeit gefallen und unterscheidet sich stark von seiner Umgebung. Welchen Rat könnten Sie unseren kunstschaffenden Leserinnen und Lesern mit auf den Weg geben, der sie bestärkt, eigene kreative Ideen – auch gegen den Mainstream – zu entwickeln und umzusetzen?

Sari: Mein Papa hat ein besonderes Gespür dafür, was Kinder begeistert. Deshalb gibt es im Turm zum Beispiel auch einen Geheimgang. Wer denkt heute noch so beim Hausbau? Dieses kindliche Denken hat er sich bewahrt.

Man sollte sich nicht der Mode unterwerfen, sondern seinen eigenen Stil verfolgen und etwas Nachhaltiges schaffen. Wichtig ist, dass man selbst dahintersteht und es gut findet.

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Versucht, etwas Einzigartiges zu schaffen. Vielleicht wird es erst später erkannt – dann ist man seiner Zeit einfach voraus. Wenn man mit der Mode geht, etwa bei modernen Häusern mit viel Grau, Schwarz und Glas im Bauhausstil, kann es sein, dass einem das in 10 bis 20 Jahren selbst nicht mehr gefällt.

Unser Turm besteht seit über zehn Jahren, und wir mussten bisher nichts renovieren. Das ist auch eine Frage der Einstellung. Ein Tisch aus massivem, nachhaltigem Holz entwickelt mit der Zeit Patina – und wird dadurch schöner. Ganz anders als ein günstiges Möbelstück, bei dem irgendwann einfach der Lack ab ist. Mein Papa lebt und liebt das – das macht es vermutlich aus.

narteo: Welche „Zutaten“ sind aus Ihrer Sicht nötig, um etwas Nachhaltiges zu erschaffen?

Sari: Nachhaltige Materialien – auch wenn sie in der Anschaffung meist teurer sind, rechnen sie sich langfristig. Dazu kommen ein Gespür für Farben und Formen, Liebe zum Detail und ein stimmiges Zusammenspiel.

Wichtig ist auch, dass man selbst dahintersteht. Man kann etwas Tolles machen – aber ohne jemanden, der es trägt, fehlt ihm das Leben. Die persönliche Note ist entscheidend.

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Und es geht nicht unbedingt um Perfektionismus. Man könnte alles auf maximale Auslastung und Gewinn ausrichten, aber dann ist es vielleicht nach zehn Jahren ausgeschöpft. Bei nachhaltigen Konzepten steht der Profit nicht an erster Stelle. Wir verkaufen ein Erlebnis, nicht nur eine Unterkunft. Es geht darum, dass sich die Gäste wohlfühlen und etwas Besonderes mitnehmen.

Herr Rechl: Für mich sind es zwei Punkte: Materialien, die dauerhaft funktionieren, und solche, die Patina bekommen dürfen und mit der Zeit schöner werden.

All das nützt aber nichts, wenn die Architektur nicht stimmt. Sie muss zeitlos sein. Sonst habe ich nach 50 Jahren vielleicht ein nachhaltiges Gebäude – aber eines, das abgerissen wird, weil es den Menschen nicht mehr gefällt.

Der sicherste Weg ist, sich an der Bautradition zu orientieren: Wie hat man vor 200 oder 300 Jahren gebaut? Regionale Elemente können in Neubauten einfließen.

Wenn man sich etwa Griechenland anschaut – die Kykladen-Bauweise ist klar erkennbar. Würde man dort plötzlich anders bauen, würde das nicht passen. Heute sieht man oft Grau, Schwarz und Weiß. Das gefällt vielen – aber ich bin überzeugt: In 15 Jahren will das niemand mehr sehen. Grau gibt es im November genug, das braucht man nicht auch noch im Gebäude. Architektur sollte Wärme vermitteln und sich an natürlichen Eindrücken orientieren, etwa am Sonnenuntergang oder offenem Feuer.

narteo: Jedes Objekt – ob Bauwerk oder Kunstwerk – ist der Alterung unterworfen. Gehört auch die letztliche Zerstörung als Teil des Prozesses dazu, oder sollte man alles möglichst konservieren?

Herr Rechl: Zerstörung gehört für mich nicht dazu. Was dazugehört, ist die Patina. Es macht Sinn, wenn Gebäude aus den richtigen Materialien auch in 300 Jahren noch vorhanden sind. Die nächste Generation entscheidet dann, wie sie damit umgeht.

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Wichtig ist, dass man heutige Bedürfnisse berücksichtigt – etwa Licht, Sicht und Nutzung. Früher hatten Türme sehr kleine Öffnungen. Wenn man das heute geschickt macht, kann man viel Licht und Ausblick integrieren, etwa durch gezielt gesetzte Öffnungen oder Glasflächen.

Traditionelle Bauweise ist oft sehr schön anzusehen, aber fürs Wohnen nicht immer ideal. Heute gehören Helligkeit, Blick in die Landschaft und eine gute Belichtung dazu. Auch die Bauweise spielt eine Rolle – massive Gebäude regulieren das Klima besser.

Sari: Materialien leben davon, dass sie benutzt werden – aber nicht schäbig wirken. Das Unperfekte kann oft der schönste Teil sein. Es wird gepflegt und erzählt Geschichten.

Ein Gebäude ist für einen selbst da. Wenn man ständig Angst haben muss, dass etwas kaputtgeht, passt das für mich nicht.

narteo: Gibt es Projekte, Aktionen oder vielleicht sogar Veranstaltungen, die Sie in Zukunft für Trostberg planen?

Sari: Wir haben einige Projekte geplant. Vor der Corona-Zeit waren wir mutiger, aber die Entwicklungen haben uns vorsichtiger gemacht. Die Branche war stark von äußeren Einflüssen abhängig.

Einen kleinen Ausblick möchte ich aber geben: Es gibt Ideen für ein Konzert oder Picknick im Rosengarten, einen Christkindlmarkt im Außenbereich oder einen Lichterlweg. Auch eine Kunstausstellung ist angedacht – hier stehen wir bereits im Austausch mit dem Trostberger Künstlerstammtisch. Es sollen eher kleine, feine Veranstaltungen im und für den Ort werden.

Herr Rechl: Vielleicht kein konkretes Projekt, aber eine Entwicklung, die ich sehr begrüße: Im Landkreis Traunstein wird zunehmend darauf geachtet, im Außenbereich traditionsverwurzelt zu bauen. Unsere Landschaft lebt auch von den Gebäuden.

Die Bewahrung und Weiterentwicklung dieser Baukultur entscheidet letztlich über den Tourismus der Region. Wenn überall im gleichen Stil gebaut würde, wäre das nicht mehr attraktiv. Menschen reisen ja gerade, um unterschiedliche Orte und Bauweisen zu erleben.

narteo: Herr Rechl, liebe Sari, vielen Dank für das tolle Gespräch. Ich wünsche weiterhin tolle Begegnungen und Zeit für die kreative Entwicklung.